Auch mit 101 Jahren ist die Turmtreppe kein Hindernis

 

Aus gelben Sandsteinquadern gefügt, mit dem für Zabergäu-Kirchen so typischen, spitzen Turmhut, liegt die Mauritiuskirche auf der Anhöhe im Ortskern von Zaberfeld. Über ihre Geschichte und ihre Eigentümlichkeiten sprach Gerhard Aßfahl, der ca. 40 interessierte Albvereinler durch die Kirche führte. "Seien Sie vorsichtig! Die Stufen!"

Mit seinen knapp 102 Jahren steigt er voran in den Kirchturm, um ihnen im Dach des Kirchenschiffs Spuren zu zeigen, an denen man erkennt, dass die Kirche im

13. Jahrhundert als frühgotische Chorturm- und wahrscheinlich auch Wehrkirche erbaut, zweimal erweitert worden war. "Sie wuchs mit der Bevölkerung." Der promovierte Altphilologe lässt seine zarten Finger andächtig über die sorgfältig  behauenen Steinquader gleiten. Steinmetzarbeit aus dem 13. Jahrhundert. 
"Einer wie der andere". "Hosianna heiß ich ..." lautet die Inschrift der größten der drei Glocken. Sie stammen aus dem Jahre 1505, aus der Werkstatt des berühmten Heilbronner Glockengießers Lachmann. Auch die beiden kleineren Glocken aus dem 17. Jahrhundert haben ihre Geschichte; sie blieben der Kirche wie ein Wunder erhalten. Eine Kirchenführung, die Geschichte in Geschichten vermittelt.

Erzählt werden sie von einem hoch betagten Gelehrten mit großer, runder Brille und einer überaus feinen, völlig durchgeistigten Ausstrahlung. Und mit Sinn für erzählerische Linienführung, die eine steinerne Eidechse, die sich im großen Spitzbogenfenster an der Südseite häutet, ebenso einbindet, wie das Grabmal Veits von Sternenfels, der in Zaberfeld den ersten evangelischen Pfarrer einsetzte. "Miserere mei", der kniende Veit bittet den Gekreuzigten, ihn einer neuen Gerechtigkeit zu überführen. Mit leiser Stimme weckt Aßfahl jedes Detail zum Leben. Plötzlich erkennt man auch den wahren Sinn des Wortes dezimieren, am schauerlichen Beispiel der Legion des heiligen Mauritius, der sich weigerte, Christen zu verfolgen. "Jeder Zehnte der Legion wurde enthauptet, Mauritius als Erster."

Erwähnt wird auch der Umbau im 18. Jahrhundert zur evangelischen Predigtkirche, und der Verlust ihrer ursprünglichen Symmetrie, die 1959 aufgehoben wurde. Zu dieser Zeit wurden auch die drei modernen Glasfenster im Chorraum eingesetzt, und seither schauen die Kirchgänger über das Kreuz hinweg auf den Weltenrichter, der im Zentrum der drei Fenster segnend die Arme erhebt. "So lässt  sich der Charakter der Kirche am besten erfassen", schließt Aßfahl seine Ausführungen. "Als eine Kirche der Gerechtigkeit."
Erstaunen in den Zuhörern über Wachheit und Sicherheit des Verstandes eines

101 Jahre alten Mannes, über die Farbigkeit seiner Darstellungen, die persönlichen Interpretationen. Und über seine Fähigkeit, die Würde dieser kleinen Dorfkirche begreifbar zu machen, die 700 Jahre Geschichte spiegelt.
"Seien Sie vorsichtig!", gibt Ihnen Aßfahl noch mit auf den Weg. "Die Stufen!"